Akduell 25.01.2014

Akduell: Ich spreche in allen Fragen euch als Gruppe an. 
Reinhard: Eigentlich wollen wir gar keine feste Gruppe sein, sondern eine Kampagne anstoßen, der sich gerne auch möglichst viele weitere Gruppen und Einzelpersonen anschließen sollen, die mit unseren Ideen für Freiräume etwas anfangen können.

ClaraZ: Trotzdem beantworten wir die Fragen als VertreterInnen der Kampagne.

Zu Realpolitik und Terminen:
Wollt ihr die Bärendelle noch? 

Reinhard: Wir sind nach wie vor auf der Suche nach einem geeigneten Raum, in dem wir unsere beschriebenen Vorstellungen gemeinsam mit möglichst vielen anderen umsetzen können. Das kann immer noch die Bärendelle sein. Wir lassen uns aber nich von Kriminalisierung, Hinhaltetaktik und strategischem Verfall seitens der Stadt aufhalten und werden uns ansonsten auch ein anderes Gebäude nehmen. Tipps und Hinweise sind herzlich willkommen.

J x ende : wie bei der pyranha kampagne in köln auch: ein zentrum mit tanzfläche bitte.

Wie ist euer Verhältnis zur Bürgerinitiative? 
Reinhard: Sehr gut. Der Weg den die Bürgerinitiative (BIB) einschlägt (Gespräche mit der Stadt, politischer Druck auf die Institutionen u.s.w.) haben wir im vergangnen Jahr mit der Bestzung zwar übersprungen, weil wir die Stadt als nicht handlungsfähig eingeschätzt haben. Wir waren jedoch überrascht und begeistert von soviel Unterstützung und Zuspruch aus der Nachbarschaft und das sich dort eine solche Bewegung organisiert. Es kann für uns alle nur hilfreich sein, wenn der Kampf für eine lebendige Stadt auf allen Ebenen und mit allen Mitteln von möglichst vielen unterschiedlichen Menschen getragen wird.
Ob das soziokulturelle Zentrum für welches die BIB arbeitet, das gleiche Affenhaus sein kann, welches wir uns vorstellen wird sich dann zeigen. Wir setzen jedenfalls auf eine konstruktive Zusammenarbeit und (fast) alles was in der Bärendelle entstehen könnte ist besser als ein verrottendes Denkmal für die Unfähigkeit der Stadtpolitik.

ClaraZ: Wichtig ist uns, dass die Bürgerinitiative und wir zwei verschiedene Sachen sind, die sich aber gegenseitig unterstützen. Wir machen unser Ding, und die ihres, und dann schauen wir wo wir übereinkommen.

Wird es gemeinsame Aktionen geben?
Reinhard: Auf jeden Fall. Zunächst im März eine gemeinsame Demo zusammen mit dem Essener Jugendbündnis.

Im Mai finden die Kommunalwahlen statt. Erhofft ihr euch da Verbesserungen? Stehen Kultur und Partizipation genügend auf der Agenda der Parteien? Was würdet ihr euch von denen wünschen?
Reinhard: Durch die gescheiterten Messeumbaupläne sind ja jetzt 123000000€ freigeworden. Damit könnte man für die nächsten 10 Jahre ca. 300 ordentlich bezahlte Vollzeitarbeitsplätze im Jugend- oder Kulturbereich schaffen. Oder 25 Bärendellen sanieren. Oder etwas in der Richtung…

j x ende : da ist doch gar kein geld frei geworden! Ich sehe die polikter_innen und alle organisationen in der pflicht sich für freiräume einzusetzen. Dieses projekt kommt allen zu gute, ganz egal bei welcher partei. Ist politiker eigentlic ein beruf? Und wenn es ein beruf ist, warum sind die nicht gewerkschaftlich organisiert, wie ging das nochmal mit repräsentation?

ClaraZ: Ich glaube nicht, dass wir uns irgendwas von den Kommunalwahlen erhoffen dürfen. Wir haben den Weg der Besetzung gewählt, weil von alleine nichts kommt. Und selbst wenn die Politik uns etwas gewährt, dann können wir uns nie sicher sein, dass sie es uns nicht irgendwann weg nehmen, denn dann ist es durch ihr Handeln gekommen. Deshalb müssen wir uns nehmen, was uns zusteht,  und uns selbst für unsere Interessen einsetzen. Und wenn uns etwas von den Politikern gegeben wird müssen wir achtsam sein, uns uns gut überlegen, wie wir damit umgehen.

Was wird beim Festival X musikalisch geboten? Welche Musikgeschmäcker werden angesprochen? Wie ist euer Verhältnis zum Netzwerk X? Warum seid ihr nicht Veranstalter? 
Gibt es trotz der eingestellten Anzeigen noch Kosten die Aufzubringen sind? Wofür wird das Geld genutzt?

j x ende: Beim Festival X gibt es ein buntes allerlei – auf netzwerk-x.org gibt’s seh- und hörproben. Dass sich mehr als 60 Künstler_innen bereit erklärt haben dieses Festival zu unterstützen zeigt nur, wie groß die Solidarität ist und wie gut wir im Ruhrgebiet vernetzt sind. Wir sind mit der Kampagne AFFE teil des Netzwerk X und das Netzwerk X unterstützt uns. Technisch gesehen ist das Druckluft der Veranstalter und ansonsten klingt Festival X einfach gut und das war eine Idee, die im Netzwerk schon lange die Runde machte. So küssen wir zwei Fliegen mit einer Zunge. Von einer besetzerin wisssen wir, dass sie ein vergleichsangebot über 200€ vorliegt (zur vorübergehenden einstellung des verfahrens). 22 verfahren laufen also noch und wir können nur darüber spekulieren, woran das liegt – d.h. es können noch Kosten entstehen. Ansonsten können wir damit Demos & Aktionen unterstützen.

ClaraZ: Die Anzeigen einzelner sind noch noch nicht komplett fallengelassen. Das ist natürlich willkürliche Schikane. Aber während der Besetzung wurde das Auto einer Unterstützerin vor dem Haus aufgebrochen, da stehen auch noch kosten aus. Die Person soll natürtlich nicht alleine auf den Kosten sitzen bleiben. Außerdem endet unsere Aktivität nicht mit Abschluss der Bemühungen um die Bärendelle…

Was sind ansonsten noch eure mittelfristigen Ziele und Termine?

ClaraZ: 22. März, 12Uhr, Willy-Brand-Platz (Essen HBF): Demonstration “Reclaim the City – Mehr Raum für die Jugend, mehr Platz für uns!”. Danach ist ein Fest an der Bärendelle von der BIB, und danach noch eine Party vom Essener Jugendbündnis.
Und unser nächstes Treffen ist außerdem am Sonntag, dem 09.02.2014 um 18Uhr im Ground Zero Jugend- und Kulturzentrum in Essen.

Zum Manifest:

Ihr wollt Menschen ansprechen, die nicht mit allen ideologischen Wassern gewaschen sind und verletzbar bleiben wollen. Was bedeutet das?

Reinhard: Wir möchten Leute ansprechen, die ihre politische Meinung möglichst nicht als identitätsstiftende Rüstung vor sich hertragen um unter ihresgleichen zu bleiben, sondern offen sind für den Austausch mit Menschen, die sich vielleicht mit bestimmten Themen viel mehr oder weniger oder noch garnicht beschäftigt haben.

ClaraZ: Also auch durchaus Jugendliche, die noch nicht mit linken Bewegungen zu tun hatten, denn wir wollen keinen Raum schaffen um immer die gleichen Menschen zu bespaßen. Wir wollen, dass Menschen dort auch mit Politik in eine erste Berührung kommen können. Es wird schwierig die hohen Ansprüche eines “Freiraums” und die Offenheit für unpolitische Kids zu vereinen, ohne jemanden zu benachteiligen, aber ich bin entschlossen mich darum zu bemühen. Es fehlen Orte, an denen linke Politik und eine kollektive Kultur gelebt werden können, die aber trotzdem attraktiv und offen für übliche Jugendliche sind.

Jx ende: Ich würde es so formulieren: Wenn es eine allgemeingültige Antwort auf die Probleme gäbe, dann wären die Probleme damit gleichermaßen verschwunden. Die Kampagne AFFE soll als Kampagne ein Sammelpunkt sein für verschiedene Blicke auf die Probleme gesellschaftlicher Ungleichheit und lebensfeindlicher Ansichten.

Allgemein tauchen in dem Text viele Paradoxien und Uneindeutigkeiten auf, die mich manchmal an die Crimeth.inc-Manifeste oder Texte der Gruppe Früchte des Zorns erinnern. Seht ihr euch in dieser Tradition?
Reinhard: Vielleicht sollten wir deren Texte mal lesen.

ClaraZ: Uneindeutigkeiten, weil es ein schmaler Grad ist, auf dem wir uns bewegen zwischen Ansprüchen einer freiheitsliebenden Kultur und der Offenheit, dass sich alles Verändern und entwickeln kann.

j x ende: Paradoxien und Uneindeutigkeiten sind stets Teil des Lebens. Es ist ein kurzer Schritt von einer einfachen Aussage zu einer Paradoxie. Alles bleibt prinzipiell paradox, doch die gesellschaftliche Erfahrung ist sehr häufig ziemlich eindeutig. Wir sehen uns als Teil einer Bewegung, die Denken und Handeln Hand in Hand gehen lässt. Da bleibt zeitweise nur sich in Widersprüchen zu bewegen.


Sind Zentren wie das AZ Köln oder die Rote Flora Freiräume in eurem Sinne? 

Reinhard: Das AZ Köln oder die Rote Flora sind für uns Orte, die zumindest Lücken in den traurigen gesellschaftlichen Normalzustand reißen in denen sich dann andere Vorstellungen von Gesellschaft und Politik entwickeln und erproben können. Von daher haben diese Projekte unsere volle Unterstützung und Solidarität.
Um die dortige Athmosphäre und die jeweilige politische und kulturelle Ausrichtung zu beurteilen, waren wir vielleicht gar nicht oft genug da. Hier wollen wir etwas eigenes aufbauen, was sich auch ganz unterschiedlich entwickeln kann…

ClaraZ: Bisher gibt es keine Freiräume in unserem Sinne und unseren Ansprüchen, deshalb haben wir das Thema für uns neu diskutiert und eigene Vorstellungen und Pläne erarbeitet. Es gibt keinen Perfekten Freiraum an dem wir uns grade orientieren könnten, zu allen solchen Projekten in unserem Umfeld gibt es eine gewisse Kritik, die wir bei unserem Projekt beachten wollen.

j x ende : ja

Euer Manifest spricht von einer herrschaftsfreien Gesellschaft als Zielvorstellung. Seid ihr eine anarchistische Gruppe?

Reinhard: Wie gesagt sind wir gar keine Gruppe mit einer festen ideologischen Ausrichtung. Wir möchten in unserer Kampagne gerne Menschen versammeln, denen daran gelegen ist, Strukturen von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung zu hinterfragen und abzubauen und die ihr Handeln demnach an dem Ideal einer herrschaftsfreien Gesellschaft ausrichten. Ob jetzt anarchistische, kommunistische, sozialistische, sonstwelche Theorien oder die Liebe allein dafür am zielführendsten sind möchten wir jetzt nicht festlegen.

ClaraZ: Deshalb wollen wir die Kampagne bald durch eine öffentliche Unterstützerliste ergänzen, die jede Gruppe und jede Einzelperson unterschreiben kann. Wer daran Interesse hat, kann sich gern bei uns melden. kampagne-affe@riseup.net

J x ende: Es bezeichnet, dass Gesellschaft und Herrschaft einander ausschließen. Gesellschaft ist von Geselligkeit gekennzeichnet. Wenn Herrschaft überhaupt eine positive, nicht-repressive Konnotation haben soll, dann als zwischenzeitliches Phänomen in Gemeinschaften. Es gibt Gründe, warum Herrschaft entsteht und wenn sie da ist, sind alle gefragt, wie sie wieder loszuwerden ist.

Ihr bezeichnet euch als Geschlechts- und Herkunftslos: Ist das etwas ähnliches wie Post-Gender? Leugnet ihr damit nicht tatsächliche Ethnisierungen und Vergeschlechtlichungen?

Reinhard: Hmm…auf dem Gebiet können wir bestimmt noch dazulernen. Wir streben jedenfalls an, das niemand aufgrund von Herkunft oder Geschlecht an der Partizipation in unserem Freiraum/unserer Gesellschaft eingeschränkt wird.

ClaraZ: Das bedeutet nicht, dass niemand von sich sagen darf, welche Herkunft oder welches Geschlecht er/sie hat oder durch was auch immer die Leute sich persönlich definieren.

Jx ende: Unabhängig von unseren jeweiligen Positionalisierungen innerhalb einer Praxis, soll „Geschlechts- und Herkunftslos“ bedeuten, dass innerhalb von Argumentationen naturalisierende Bezugnahmen auf Geschlecht oder Herkunft zu einem Ende des Gesprächs führen. Die Kampagne hat zum Ziel einen Raum zum streiten anzubieten. Sie soll einen Ort bieten für Menschen ihre Erfahrungen im Kampf um ein gutes Leben zu teilen, Strategien und Ideen auszutauschen und zu entwickeln. Jede/r einzelne kann sich in diesen Kategorien denken und hat Erfahrungen damit in diesen Kategorien gedacht zu werden. Die Aufgabe die Symbole von den repressiven Verhältnissen abzulösen und für eine emanzipatorische Politik nutzbar zu machen kommt der Erfahrung und dem Denken zu.

Dann noch das unerwartete Wort Höflichkeit: Ist Höflichkeit nicht eine völlig altmodische Tugend und demonstriert einen ritualisierten Respekt gegenüber den gegebenen Autoritäten? Was meint ihr damit?

Reinhard: Mit Höflichkeit meinen wir die Fähigkeit, sich unabhängig von persönlicher Sympathie und abweichender Meinungen konstruktiv mit anderen Menschen zu begegnen. Also meinetwegen ritualisierten Respekt gegenüber anderen als Mitmenschen. Vielleicht weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass viele interessante Begegnungen, Auseinandersetzungen und Diskussionen schon an der Umgangsform scheitern und dadurch der Austausch von Inhalten verloren geht.

J x ende: Höflichkeit ist erstmal seitens der gegebenen Autoritäten nicht zu erkennen. Diese verweigern sich einer inhaltlichen Auseinandersetzung und haben sich in die unhöflichste aller Gesprächsformen verbarrikadiert: Sachzwänge

Am Schluss sagt ihr, wenn es nicht mehr läuft, wird dem Projekt der Prozes gemacht. Wann ist das und was macht ihr dann?

ClaraZ: Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass tolle Projekte irgendwann in sich selbst festfahren. Oder, dass einschlafende projekte als Laster an einzelnen Personen hängen bleiben, die verzweifelt daran festhalten. Das sind bedauerliche Situationen, die nicht dem eigentlichen Sinn dieser Projekte entsprechen. Wir haben hohe Ansprüche für unser Projekt, da muss man ehrlich sagen, dass wir vielleicht hinterher merken, dass wir totalen Humbug verzapft haben. Wir haben keinen festgelegten Moment, der das Scheitern eines Projekts definiert, aber wir wollen uns auch nichts vormachen. Das ist wie das Hintertürchen in einem Vertrag in Textgröße 1.

j x ende: Hoffentlich nie! Wenn wir uns in Rechthaberei ergehen, statt aktiv für die Verwirklichung einer emanzipierten Geselligkeit einzutreten ist (z.B.) Schluss. Dann fangen wir wieder (z.B.) wieder von vorne an.

 

http://akduell.de/2014/01/affe-erwacht-aus-dem-winterschlaf/

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